Factory Gate/ Werkstor

Produziert von Anna Kpok im Rahmen von Truck Tracks Ruhr

Für das Projekt Truck Tracks Ruhr hat Rimini Protokoll, seines Zeichens postdramatisches Theaterkollektiv, 49 regionale und internationale Künstler*innen eingeladen, jeweils fünfminütige Hörstücke zu gestalten. Mit einem zur fahrbaren Tribüne umgebauten Lastwagen besuchen rund 50 Zuschauer allabendlich jeweils 7 Orte einer Stadt. Der Lastwagen hält jeweils, die Leinwand gibt den Blick frei, das Theaterstück der Stadt beginnt. Was das Auge sieht wird akustisch überschrieben oder konterkariert. Alles, was sich in fünf Minuten vor dem Fenster ereignet, wird Teil des Tracks.

Gemeinsam mit dem Künstler*innenkollektiv Anna Kpok habe ich einen Truck Track beigetragen. Dem Werktor I des Duisburger Thyssen-Krupp-Geländes ins Angesicht blickend, ist der Track dem filmischen »Factory Gate« – Genre gewidmet. Mit ihrem Film Arbeiter verlassen die Fabrik erfanden die Gebrüder Lumière nämlich nicht nur das Kino, sondern bewiesen sich auch als Avantgardisten einer ganzen Reihe von filmischen Werkstorbeobachtungen, dem nicht nur Harun Farocki eine schlagende und zugleich humorvolle Analyse widmete.

»Sie kaufen ihr Ticket an der Kasse. Sie betreten einen künstlich beleuchteten Raum, ein umgebautes Billardzimmer. Sie nehmen Platz, die Beinfreiheit ist etwas eingeschränkt. Sie und die Anderen schauen auf eine fotografische Projektion. Das Bild fängt an sich zu bewegen. Das haben sie noch nie gesehen. […] Der erste establishing shot der Geschichte – geht danach nicht in die Nahaufnahme, zeigt nicht die Geschichte eines Einzelnen, sondern die Bewegung der Vielen. Für diesen allerersten Film steht ein Kinematograph der Marke Lumière vor dem Eingangstor des Werks. Louis Lumière bedient ihn, sein Bruder dirigiert die Angestellten des Vaters, die sich auf sein Zeichen hin in Bewegung setzen. Am 28. Dezember 1895 findet die erste kommerzielle Vorführung im Salon Indien des Grand Café de Paris statt. […] Die Arbeiter verlassen die Fabrik – ein Film wie ein Sprichwort.«

Factory Gate/ Werkstor

»Der nächste Hauptdarsteller ist das Werkstor 1 von Thyssen-Krupp. Ein fast menschenleeres Bühnenbild, nur belebt von den Pförtnern, dazu Kopfkino aus dem Off. Rückschau ins Jahr 1895, als zum ersten Mal ein Film öffentlich vorgeführt wurde: Mit Arbeitern, die aus einem Fabriktor strömen. Wie haben sie sich wohl die Zukunft der Arbeit vorgestellt – über 100 Jahre später?«

Tour mit Truck Tracks Ruhr – Duisburg mit anderen Augen
Westdeutsche Allgemeine Zeitung vom 14.08.2016

»Wer eine Tour bei Truck Tracks Ruhr bucht, bucht eine Reise in die Realität – und landet am Ende in der Fiktion«

Ein mächtiger Brummi. Das Projekt Truck Tracks Ruhr macht die Stadt zur Bühne.
Der Spiegel 16/2016

Credits_ Idee und Konzept: Künstler*innenkollektiv Anna Kpok, Vorgespräche und Skizzierung: Kathrin Ebmeier, Manuel Zauner // Dramaturgie: Jascha Sommer // Produktionsleitung: Klaas Werner // Textfassung: Kathrin Ebmeier, Kirsten Möller, Almut Pape // Aufnahmen Sprecher*innen und Tonschnitt: Jascha Sommer // Soundeffekte und Soundcheck: Gabor Bodolay, Björn Castillano // Sprecher*innen: Almut Pape, Manuel Zauner // Produzenten Truck Tracks Ruhr: Rimini Protokoll, Urbane Künste Ruhr // Kooperationspartner: Ruhrtriennale, Lehmbruck Museum // Förderin: Kunststiftung NRW